Wende dich der Sonne zu, damit die Schatten hinter dich fallen!

17. August 2023

gerade liegt mein Freund, gleichaltrig, auf der Palliativabteilung. Er hat ein halbes Jahr vor mir die Darmkrebsdiagnose erhalten. Er sagte heute zu mir, dass er jetzt darauf warte, einzuschlafen und nicht mehr zu erwachen… Ich kann das so gut nachvollziehen. Ich sagte zu ihm, dass einem vielleicht auch einiges erspart bleibt, wenn man früher sterben darf…

Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, dass die Gesellschaft nicht gerade eine Plattform dafür bietet, ums Leben kämpfen zu wollen. Im Gegenteil. Ich verstehe nicht, wie Menschen rücksichtslos und mit Ellenbogen im Einsatz durch ihren Alltag breschen, wie ich es so oft erlebe. Ich kann oft nur den Kopf schütteln, weil ich den Alltag mittlerweile aus einer anderen Perspektive betrachte. Mein Fokus ist nicht mehr, leistungsorientiert zu sein. Ich muss nicht mehr allen gefallen und jedem schön reden, wie ich das früher glaubte, tun zu müssen. „Dem Frieden zuliebe“, das hatte sich tief in mir festgesetzt.

Vor einigen Tagen sagte ich zu meiner Mutter: weisst du, ich bin nicht mehr kompatibel mit eurer Welt. Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, ob ich Dinge tun soll, um anderen zu gefallen… ich kann nicht mehr aus meiner Haut schlüpfen, auch wenn ich das manchmal gerne täte.
Zu Beginn meiner Erkrankung dachte ich oft daran, dass ich gerne ab und zu ausbrechen würde, einfach weg aus diesem Gedankenkarussell, weg von all den Schreckensszenarien, die meine Diagnose in mir und meinen Liebsten aufwarf… Es ging nicht. Hampi konnte zur Arbeit flüchten, im Ausgang vergessen, was zuhause Tatsache war…
Ich bin nicht mehr kompatibel, weil mein Rhythmus völlig anders ist als der, den ich bei anderen sehe. Wenn Hampi abends heimkehrt und gehetzt die Treppe hochrennt und schnaufend den Feierabend erwartet, erhofft, ersehnt… ohne dass ich dann zu reden beginnen sollte, ohne dass ich ihn mit etwas behelligen sollte, dann erkenne ich es deutlich! Ich bin nicht mehr durchgetaktet, ich bin nicht durch Termine und Pläne gesteuert, sondern gelenkt von meinem Körper, stets dem aktuellen Zustand, den er mir zeigt und auf den ich antworten muss.

Wenn ich nachts wach liege und meine Lungen spüre, wie sie sich versuchen auszudehnen, sich Raum nehmen wollen und gerade nicht können…, wenn meine Leber mir das Gefühl gibt, den Rippenbogen sprengen zu wollen…, wenn mein Zwerchfell bei jedem Gähnen, Niesen, Seufzen schmerzt, als wären sämtliche Rippen gebrochen, dann gibt es für mich nur eines: wende dich der Sonne zu, damit die Schatten hinter dich fallen. Ich kann nicht anders als an Wunder zu glauben, ich kann nicht anders als mir meinen Konfirmationsspruch IMMER wieder vorzubeten, tausend Mal am Tag: ich vermag alles, durch den, der mich mächtig macht, Jesus Christus…

Wie es mir geht? Mir geht es gut, auch wenn mich meine Finger so schmerzen, dass ich kaum einen Jogurtbecher öffnen kann, auch wenn meine Nasenschleimhaut so brüchig ist, dass ich öfters spontan Nasenbluten habe. Auch wenn mein Bauch mich schmerzt, wenn er Erschütterungen erfährt, auch wenn mein Magen brennt, auch wenn mein Fokus auf meinem Stoma liegt und es meinen Alltag steuert. Mir geht es gut, weil es mir besser geht, als vielen anderen in meiner Situation. Mir geht es gut, weil ich jeden Tag lebe, als wäre es der Letzte und es ist bizarr, zu wissen, dass dem durchaus so sein kann. Mir geht es gut, weil ich in der Natur auftanken kann, mein geliebtes Velo mich trägt, weil mein Leo an meiner Seite ist, mich manchmal nervt, mir aber zeigt, dass ich lebe. Mir geht es gut, weil ich einen Partner habe, der mir den Spiegel vor die Nase hält, der mich fordert und mich liebt, trotz allem… Mir geht es gut, weil ich mir keine Gedanken um morgen mache, sondern weil ich heute lebe. Mehr geht nicht!

Und wie geht es dir?